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Umwelt

Ulrich Hägele im Gespräch mit Bernd Haussmann über seine Bilder und die Verantwortung von Kunst in der modernen Gesellschaft

27. November 2007


UH: Herr Haussmann, was ist für Sie Kunst?

BH: Kunst in wenigen Worten ist etwas, was aus dem Bauch kommt. Über den Kopf kontrolliert und vielleicht auch weiter bearbeitet wird. Somit ist es ein Konglomerat aus Emotionalem und Erfahrenem und aus der Geschichte, also eine Mischung aus allem.

UH: Sie nannten einmal in diesem Zusammenhang drei Begriffe: Identität, Integrität und Authentizität. Welcher dieser Begriffe würden Sie für Ihre Kunst als den bedeutendsten benennen?

BH: Die Begriffe hängen zusammen. Sie stellen die Gradmesser dar, wie ich Kunst bewerten würde. Insofern kann ich nicht den einen oder anderen Begriff herausnehmen. Identität hängt damit zusammen, wie der Künstler sich selbst sieht, wie er wächst – man wird ja nicht als Künstler geboren, sondern das fängt ja irgendwann an. Man arbeitet auf irgendein Ziel hin und versucht gewissenhaft zu sein, um so, seine eigene Identität zu finden. Authentizität wäre dann in Zusammenhang mit dem Markt zu sehen: 'Wie sehe ich mich im Rahmen anderer Künstler?' Integrität ist ebenfalls auf den Markt bezogen: Wie schafft man es, sich nicht zu verkaufen. Wie schafft man es im Kunstbetrieb, wenn die Kunst dann veröffentlicht wird, sich zu behaupten.

UH: Authentizität ist auch einer bestimmten Mode unterworfen. In den 1990er Jahren wurde in der Kunst und auch in den Sozialwissenschaften viel von Authentizität gesprochen. Etwa in der Fotografie und Malerei oder in der Ethnologie. In den vergangenen zwei, drei Jahren taucht der Begriff wieder auf.

BH: Nennen wir es 'echt' oder nennen wir es 'originell'. Authentische Kunst hat ihre Spuren in der Vergangenheit hinterlassen und auch in den menschlichen Genen, im übertragenen Sinn. Wenn ich authentische Kunst schaffe, dann versuche ich, auf möglichst intensive Weise echt zu sein. Das sind diese Erdbegriffe, die manchen Zeitgenossen vielleicht etwas antiquiert erscheinen...

UH: ...in der Tat! Ich denke zum Beispiel an die Maßgabe Schillers vom 'Edlen, Wahren und Schönen'! Ist das nicht stark idealisiert, wie Sie sich der Kunst nähern, wie Sie Ihre Kunst definieren?

BH: Nein, im Gegenteil! Um sich zu behaupten in diesem Markt, um wirklich einen Gegenpol zu bilden gegen diese Schnellebigkeit und Oberflächlichkeit in unserer Welt, muss es das größte Bestreben sein, authentisch zu sein, originell zu sein, echt zu sein.

UH: Würden Sie sich als Traditionalist bezeichnen lassen?

BH: Im guten Sinne würde ich den Traditionalismus als etwas Hervorragendes bezeichnen. Traditionalismus, wie ich ihn sehe, hat eine Basis in unserer westlichen Kunst, mit der ich aufgewachsen bin, aber auch in unseren westlichen Werten, mit denen ich groß geworden bin...

UH: ...die da wären?

BH: To do an honest job! Also: ehrlich zu sein, zu malen wovon ich etwas verstehe, nicht über Dinge zu malen, wovon ich keine Ahnung hab', nicht der Forderungen des Kunstmarkts zu unterliegen, wenn die Galerie Soundso vielleicht ein blaüs anstatt eines roten Bildes möchte.

UH: Das können Sie sich leisten?

BH: Ich muss mir das leisten. Wenn ich mir das nicht leisten würde, könnte ich nicht als Künstler vor mir selbst bestehen.

UH: Wie verfahren Sie dann bei Aufträgen, wenn Leute kommen und sagen: 'Ich möchte das so und nicht anders haben'?

BH: Ich entgegne dann, dass ich bereit bin, über meine Kunst zu reden, und Vorschläge seitens des Auftraggebers annehme, aber im Endeffekt müsse der Künstler unabhängig sein. Das ist nicht nur eine alte Floskel, denn wenn die Kunst nicht unabhängig ist, kann sie nicht bestehen.

UH: In Ihrer Anfangszeit haben Sie hauptsächlich in Öl gemalt. Sie sind später aber auf eine Acryl-Mischtechnik umgestiegen. Ist diese Technik mit Ihrem traditionellen Wertbegriff vereinbar?

BH: Traditionell heißt nicht, die modernen Techniken zu ignorieren. Traditionell heißt vielmehr, aus der Vergangenheit im Jetzt zu arbeiten. Ich mache ja auch zeitgenössische Kunst und nicht Modern Art aus den Fifties oder Sixties. Ich habe schon den Anspruch, die Zeit, in der ich lebe zu verarbeiten. Nicht nur zu spiegeln, sondern vielleicht sogar Vorschläge und Ideen mitzuteilen, die dann auch ins Positive wirken können.

UH: Ihre Kunst ist abstrakt. Finden Sie, dass die Abstraktion in unsere heutige Zeit passt? Besser passt als eher realistischere Kunstformen?

BH: Da gibt es immer Moden in der Kunst. Im Moment ist eher die realistischere oder figürlichere Malerei angesagt. In zehn Jahren wird es wieder die nichtfigürliche sein. Ich versuche mich an jener Ausdrucksform, von der ich meine, dass sie meine beste sei. Ich versuche, eine Sprache weiterzuführen, die ich im Verlauf von vielen Jahren für mich entwickelte, von der ich aber auch sehe, dass sie verstanden wird, denn sie ist keine Kunstsprache sondern es ist eine Sprache, die den Kopf und den Bauch anspricht.

UH: Eigentlich ein seltenes Herangehen, weil die Abstraktion immer schon eine elitäre Angelegenheit war und ist. Abstrakte Kunst wird vom 'normalen' Publikum eigentlich nicht verstanden.

BH: Man muss sich natürlich als 'normaler' Mensch öffnen und sich bemühen: zu sehen. Wenn ich als 'normaler' Mensch eine Ausstellung anschaü, dann bleibe ich immer vor dem Bild oder dem Objekt stehen, das ich 'am wenigsten' verstehe, um dem betreffenden Kunstwerk die Möglichkeit zu geben, sich mir zu präsentieren. Daraus können sich dann wiederum spannende und neü Erfahrungen entwickeln. Kunst soll ja auch eine neü Erfahrung sein und nicht ein Wiederkäün von Altem.

UH: Vielleicht ist auch ein Grund, warum Ihre Art der Abstraktion gut verstanden wird, dass Sie – anders als viele – durchaus den Kontakt zu Ihren Sammlern, zu den Käufern, zum Publikum auch intensiv pflegen. Sollte diese Praxis nicht eher ein Normalzustand sein?

BH: Kunst sollte nicht elitär und abgehoben sein, sondern als Arbeit genauso wichtig wahrgenommen werden, wie die eines guten Handwerkers. Und somit existiert der Begriff des Elitären für mich nicht. Ich bin Teil dieser Umwelt. Ich bin Teil einer Gesellschaft. Ich bin Teil einer Umgebung, die ich mir nur partiell selbst wähle und ich möchte nicht, dass Kunst etwas Elitäres oder Abgehobenes ist.

UH: Sie nannten gerade das Stichwort: Sie wählten sich das Thema Umwelt als ein neüs Projekt. Ihre Kunst hat den Ruf geerdet und organisch zu sein. Welche Grundlagen haben Sie dafür?

BH: Ich empfinde mich als Teil dieser natürlichen Umwelt. Somit ist es ja nur logisch, wenn ich Teil dieser Umwelt bin, dass ich aus diesen Wurzeln wachse und dass meine Sprache und mein bildnerisches Vokabular von dieser Umwelt borgt und somit auch Teil dieser Umwelt ist.

UH: Was verstehen Sie nun unter 'Umwelt'? Es gibt ja zwei Schreibweisen: einmal zusammen als 'Umwelt' und einmal als Um-Welt, getrennt mit Bindestrich?

BH: Ich denke an Umwelten im Sinne von Johann Jakob von Üxküll: Meine Umwelt ist eine andere als Ihre Umwelt. Aber wir teilen eine Umwelt. Mein Hund und ich teilen eine Umwelt, aber er hat andere Prägungen und Wünsche und Bedürfnisse. Ich finde es am spannendsten, wie diese Umwelten sich treffen und vielleicht überschneiden.

UH: Was bedeutet dies für Ihr Publikum oder auch für jene, die Ihre Bilder zuhause im Wohnzimmer an die Wand hängen?

BH: Ich interpretiere und bearbeite die Umwelt der Natur, aus der ich sehr viel schöpfe. Die wiederum ist kombiniert mit der Umwelt meiner Erfahrungen, mit der Umwelt meiner Gedanken und Gefühle, geprägt durch meine soziale Umwelt, meine politische Umwelt, meine historische Umwelt. All das fließt dann ein. Jetzt ist dieses eine Bild entstanden und hängt bei einem Sammler an der Wand oder in einem öffentlichen Gebäude. Meine Neugier ist nun, wie die Umwelt dieses Bildes, die Umwelt des Betrachters beeinflusst und wenn sie das tut, wie die Umwelt dieses Bildes über den Betrachter vielleicht sogar die Umwelt der Natur beeinflussen könnte.

UH: Sie verknüpfen also auch 'Natur' mit dem Begriff Umwelt. Welchen Stellenwert hat die Natur? Anders gefragt: Ist die Natur nicht die größte Künstlerin?

BH: Ich fühle mich als Teil der Natur und nicht der Natur überstehend. Ich empfinde Natur nicht wie auf einem Sonntagsspaziergang im Park, wo man die Schwäne füttert mit altem Brot. Umwelt und Natur ist für mich Teil unseres Lebens und allumfassend.

UH: Bekommt man als Künstler da nicht manchmal Beklemmungen, wenn man diese wunderbaren Tier- und Pflanzenwelten anschaut, diese Schmetterlinge oder Blüten, die man ja eigentlich schöner nicht malen kann?

BH: Natürlich hat eine Blattstruktur die selbe Faszination auf mich wie die Architektur eines Wolkenkratzers. Natürlich ist die schimmernde Oberfläche eines Schmetterlingflügels so spannend wie tausend Bilder. Meine Idee ist es doch, das Geistige mit dem Visüllen zu verbinden und durch die Abstraktion vielleicht neü Dinge zu erfinden, die die Natur so vielleicht schaffen könnte, die ich so aber noch nicht gesehen habe.

UH: Ihre Bilder entstehen meistens in einem langen Arbeitsprozess. Sie bezeichneten sich selbst einmal als ein Archäologe, der immer auf der Suche ist nach verborgenen Sinnschichten, die Sie versuchen in Ihrer Kunst zutage zu befördern, auf die Leinwand zu bringen. Wie entsteht Ihre Kunst?

BH: Kunst ist Suchen und Kunst ist für mich Nachdenken mit dem Stift auf Papier oder auf Leinwand, was auch immer. Während des Prozesses des Nachdenkens, des Nachforschens mit der Kunst, ergibt sich ein Dialog mit dem Kunstwerk und dieser Dialog soll offen und transparent sein für den Betrachter. Ich möchte teilen: meine Fragen, meine Überzeugungen, Verwerfungen von Gedanken oder Überarbeitungen von Ideen. Ich sehe das alles als Prozess, so wie zum Beispiel auch die Natur wächst und sich verändert. Es fängt ja nicht mit dieser vermeintlich perfekten Idee an, die dann visualisiert wird, die praktisch einszüins vom Kopf auf die Leinwand übertragen wird. Nein, so entsteht meine Kunst nicht.

UH: Woher nehmen sie die Inspiration?

BH: Die Inspiration ist eine Mischung aus Visüllem, aus Hören, aus Schmecken, Riechen und Fühlen in Kombination mit der Erfahrung 'from within' – aus dem Inneren. Das Innere wiederum ist ein Konglomerat aus meiner Erfahrung und den Erfahrungen meiner Väter und Vorväter – der Erfahrungen meiner Gene, der Mensch wie er entsteht und somit eine Melange. Die Kombination schafft das Resultat.

UH: Für viele Zeitgenossen gilt Künstler als ein Traumberuf. Wie sieht der Tagesablauf eines Künstlers aus?

BH: Ich liebe Routine und ich liebe einen Rahmen, in dem ich mich bewege. Ich setze mir den zeitlichen und arbeitsmäßigen Rahmen selbst. Und ich bestimme mir auch den geistigen Rahmen. Indem ich sag': 'Ok, dieses Bild hat dieses Thema'. Ich versuch' auch nicht auszubrechen. Außerdem finde ich es wichtig, regelmäßig zu arbeiten und nicht in einer oberflächlich-emotionalen Art und Weise. Weil ich glaube, dass ich so zu den besten Ergebnissen komme und die Kombination zwischen Kopf und Bauch am ehesten herstellen kann.

UH: Wie ist es, unter Druck zu arbeiten?

BH: Den Druck setzt man sich selbst. Man lernt das Medium und man lernt im Laufe der Jahre auch gezielter zu arbeiten. Insofern entsteht für mich eigentlich nie der Druck. Wenn ich etwa eine Ausstellung bestücken muss und ich käme mit der Produktion nicht nach und müsste vielleicht Abstriche in der Qualität machen, dann würde die Ausstellung eben kleiner werden.

UH: Gibt es Blockaden, wo Sie den Eindruck haben, nicht weiterzukommen?

BH: Ich hatte noch nie Blockaden, durch diesen Rhythmus und die Routine, aber auch weil ich nicht den Anspruch habe, jeden Tag ein Meisterwerk zu kreieren. Aber ich arbeite jeden Tag und auch aus einem schlechten Bild oder einer Zeichnung kann ich etwas lernen. Wenn ich den Anspruch hätte, ich muss jeden Tag ein Meisterwerk produzieren, könnte ich mir Vorstellen, dass solche Anforderungen sich auch hemmend auf den Schaffensprozess auswirken.

UH: Sie können nunmehr auf ein Öuvre aus 25, 30 Jahren zurückblicken. Gibt es Schaffensperioden, die Sie selbst bevorzugen oder sind die Bilder alle von ihrer Bedeutung gleichberechtigt?

BH: Da ich den Prozess schätze und ich selbst hoffe und wünsche zu wachsen, ist natürlich immer das neüste Bild das wichtigste. Ich denke aber oft an alte Bilder zurück, und ich möchte den Bezug zum Vergangenen nicht missen, aber ich habe natürlich das Bedürfnis, nach allen Seiten zu forschen und meine Kunst in meinem Rahmen ständig zu erweitern. Insofern muss das neüste Kunstwerk natürlich das spannendste sein, denn da ist mein Herz und da sind meine Gedanken. Wenn ein Kunsthistoriker wie Sie kommt und sagt: 'Dieses Bild war wichtig für Sie'. Dann können Sie das sicher neutraler aus dem Zusammenhang betrachten, können sagen, dieses Bild ist ein Meilenstein, denn er hat Sie von A nach B gebracht. Wenn ich jetzt retrospektiv zurückgehe, würde ich allerdings auch ein paar Bilder finden, aber objektiv kann ich als Künstler nicht sein, schon gleich gar nicht meinem eigenen Werk gegenüber.

UH: Auch ein Grund, warum Künstler keine Ausstellungen kuratieren sollten! Noch eine Frage zum Stichwort Inspiration. Es gibt sicher in der Kunst Menschen, die Sie inspiriert haben. In Ihrer frühen Phase war das mal eine Zeit lang Picasso, mit dem Sie sich stark auseinandergesetzt haben. Dann denke ich an Tapies, der eine ebenso große Rolle gespielt hat wie Mark Rothko. Mit wem verknüpfen Sie am meisten?

BH: In der Kunst ist es wichtig, das Mystische oder das Geistige zu bewahren. Wenn ich ein Kunstwerk zu sehr zerstückle, geht das Mystische verloren. So ist es mir mit vielen Künstlern ergangen. Die wenigen, die für mich immer noch so spannend und unergründbar sind wie vor zwanzig, dreißig Jahren wären wahrscheinlich Rothko in seiner Klarheit oder Beuys in seiner Mystik. Rauschenberg ist mir zu nah. Den versteh' ich intellektüll zu gut. De Kooning oder Diebenkorn studierte ich. Ich glaube, es sind wenige, die überleben. Das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber wenn ich an Inspiration denke, dann komme ich zu Bach. Der hat mich vor vielen, vielen Jahren fasziniert und diese Faszination hat sich nie verändert, auch nicht nach tausendmaligem Hören der Goldberg-Variationen.

UH: Wenn ich jetzt mal etwas provokativ sein darf: Bach und die Barock-Musik sind ja schon sehr manieriert und verschnörkelt. Ein mit mir befreundeter Kunsthistoriker sagte einmal über Ihre Bilder – allerdings vor ein paar Jahren – sie seien etwas süßlich. Passt das zusammen?

BH: Ich sehe Bach nicht als manieriert. Ich sehe in Bach die größte Freiheit. Er hat den Rahmen. Und wie gesagt finde ich es schön, sich einen Rahmen und damit Grenzen zu setzen. Natürlich auch mit dem Wunsch und dem Bedürfnis, diese Grenzen zu sprengen und zu überschreiten. Das größte Maß an Kreativität, wenn ich es definieren sollte, sehe ich bei Bach: Mit ein paar Zutaten, ein paar Noten schafft er eine unendliche Fülle. Sie ist für mich eine emotionale Kunst. Sie hat aber auch Struktur.

UH: Hören Sie die Musik während des Arbeitens oder hören Sie sie erst und arbeiten dann?

BH: Die Musik ist in Kopf und Bauch und ich möchte mich beim Arbeiten nicht mit Geräuschen ablenken.

UH: Da halten Sie es wie Günther Grass, der beim Schreiben auch vor einer weißen Wand sitzt! Gehen wir noch einmal zurück in die Kunstgeschichte. Wer von den alten Meistern steht am ehesten in Ihrer Gunst?

BH: Ich habe mir neulich Cranach wieder mal angeschaut. Und natürlich bin ich ein großer Liebhaber der italienischen Renaissance, auch der deutschen und holländischen. Bei Cranach finde ich die Variationen überzeugend und die Zeichnung in den Bildern, wie er den Pinsel führt. Mir stellt sich allerdings die Frage, inwieweit er zum Kommerzkünstler wird. Sind die Variationen – von Mutter und Kind etwa – wirklich so, dass zwanzig Versionen begründbar sind? Picasso arbeitete ebenso seriell und hat diese ganzen Renaissance-Aufbereitungen für sich erforscht. Cranach hat so eine Kombination von deutscher Düsterheit und visüller Spannung, die ich sehr nachvollziehen kann.

UH: Wenn man in die Gegenwart blickt: Der Kunstmarkt ist überschwemmt, es gibt so viel Galerien und Künstler wie nie, jedes Jahr entsteht eine neü Mode. Sie sagten, Sie seien Ihrer Mode, Ihrem Stil treu geblieben. Sie entwickeln sich aber auch langsam und stetig weiter, ohne bestimmte Moden aufzugreifen. Schaut man als Künstler denn auf aktülle Strömungen, geht man noch in Ausstellungen und Galerien, um sich dort inspirieren zu lassen oder ist das alles total uninteressant geworden?

BH: Wie jeder Mensch ist auch der Künstler übersättigt und überflutet von Reizen. Ich schaü mir keine anderen Künstler an. Diese Inspiration brauche ich nicht, denn es wäre dann nur eine Schwierigkeit, sie auszublenden – wie andere Reize oder die Musikberieselung oder Medien aller Art. Die Inspiration kommt von innen.

UH: Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich mache ja auch Ausstellungen, aber ich gehe in letzter Zeit immer weniger in Ausstellungen, weil ich mir gesättigt fühle. Ich muss aus mir selbst schöpfen, um etwas Neüs machen zu können. Aber jetzt noch einmal zurück zum Stichwort Natur und zur Verbindung Natur und Umwelt. Sie haben ein neüs Projekt, indem Sie Kunst und Natur konkret in Verbindung bringen – ich denke da an Ihr kleines 'Nationalparkprojekt' in Maine.

BH: Idealistisch betrachtet würde ich gerne meine Einnahmen von der Kunst in die Natur reinvestieren, denn ich habe von der Natur sehr viel geborgt und fühle mich als Teil davon. Es war immer mein Wunsch und meine Sorge, die Natur so wenig wie möglich zu beeinflussen. Natürlich gehe und stehe ich, habe ein Auto und ein Haus. Mit dem Kunstprojekt in Maine möchte ich eine kleine Oase schaffen.

UH: Wie soll das konkret aussehen?

BH: Es gab immer schon Kunst, die mit Natur arbeitet, Natur verarbeitet und bearbeitet. Goldsworthy wäre so ein Low-Impact-Künstler. Oder James Turrell, der seit Jahrzehnten in Arizona einen Vulkankrater in eine Art Observatorium umbaut. Ich möchte eine Environmental Sculpture schaffen, die Spuren des Menschen so weit wie möglich versteckt – low impact wie gesagt. Ich möchte mit dieser 'Skulptur' nicht als Künstler sichtbar sein, sondern als Beschützer von Natur, als sanfter Guide in die Natur, und ich möchte Biotope schaffen für möglichst viele Arten.

UH: Könnte man das mit dem deutschen Modell des Bannwaldes vergleichen?

BH: Ja. Was ich allerdings möchte, und da bleibe ich als Mensch, als Impact sichtbar: Ich möchte die Wiesenflächen, die früheren Weideflächen bewahren, offenhalten...

UH: ...die sogenannten John-Deere-Flächen...

BH: ...wo ich dann mit meinem Traktor drüber fahre!!! Nein, im Ernst, die müssen ein Mal pro Jahr gemäht werden. Die Hauptwirtschaftsqülle des Staates Maine ist Waldbau und das passiert eben auf rein ökonomischer Basis. Ich kämpfe dagegen, versuche – wie in meiner Malerei – auch hier einen kleinen Kontrapunkt zu setzen, zu den Bestrebungen meiner Nachbarn und meiner weiter gefassten Umwelt.

UH: Und wie reagieren Ihre Nachbarn?

BH Die halten mich für bekloppt. Aber das ist mir relativ egal. Außerdem versuche ich sie, wo ich kann, von meinem Projekt zu überzeugen. Ich denk' da immer an Joseph Beuys und seine Siebentausend-Eichen-Aktion, anlässlich der Dokumenta 7 in Kassel, 1982. Wie er Natur unterstützt und schützt, indem er neben jede zarte Eiche einen Basaltblock stellt: Welch tolles, symbolisches Objekt!

Dr. Ulrich Hägele, Professor for Media Studies, University of Tübingen, Germany and Independent Curator, January 2008.

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